Unter den Sternen

moon on wavesSchlafen unter Sternen und die Seelöwen

von Tanis Helliwell

Erntedank wird in Kanada im Oktober und in den USA im November gefeiert. Diese Tradition, ohne Truthahn, Preiselbeeren und Kürbiskuchen, hat ihre Wurzeln in Europa im keltischen Samhain-Fest. Zu dieser Jahreszeit, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ist es gut, über all das nachzudenken, wofür wir dankbar sein müssen. Ich möchte euch an zwei Dingen teilhaben lassen, mit denen die Natur mich in diesem Herbst beschenkt hat.

Schlafen unter Sternen

Wofür ich ganz besonders dankbar bin, ist, dass ich bis weit in den Herbst hinein immer noch draußen unter den Sternen schlafen kann. Wegen der Kälte und Feuchtigkeit sind so wenig solcher Nächte übrig; somit ist jede Nacht kostbar, und ich genieße jede von ihnen. Im Herbst ist die Luft frisch, die Sterne sind heller und ich brauche das Moskitonetz nicht mehr, das mir den ganzen Sommer über Schutz gegeben hat. Das allein ist schon ein Segen. Jetzt trennt mich nichts mehr von der Nacht.

„Schläfst du draußen genauso gut?”, haben die Leute oft gefragt. „Ich schlafe anders” ist die beste Antwort, die ich ihnen geben kann. Ich weiß nicht, wie ich die Magie, die das Schlafen im Freien für mich beinhaltet, mit Worten erklären kann. Ich weiß nur, dass mich des Nachts unter den Sternen Energien nähren, welche bis ins Kleinste genauso wichtig sind wie untertags die Energien der Sonne. Ich kann fühlen, wie sich Türen in meinem Unbewussten öffnen und wie Träume ausgebrütet werden. Ich liebe es, während der Nacht aufzuwachen und zu sehen, wie die Sterne über den Himmel weiter gewandert sind. Oft ergießt sich stundenlang der Vollmond über mich, und zu anderen Zeiten erwache ich in der Mitte der Nacht und finde Mars oder die Plejaden über mir.

Jede Jahreszeit hat ihre Schönheit und jeder Monat ist ein Segen. Gerüche scheinen sich in der Nacht intensiver als am Tag auszubreiten, und der späte September riecht ganz anders als der frühe Mai. Auch Geräusche unterscheiden sich während der verschiedenen Jahreszeiten voneinander. Ich liebe das Zirpen der Grillen im Sommer und das Krachen der Wellen in meiner Bucht während eines Wintersturms. Und es gibt einen besonderen Laut, auf den ich im Herbst warte, einen Laut, der sich bis April wie ein Echo durch all meine Nächte zieht. Es ist ein tiefes Grollen und Knurren, das die Nachtluft durchschneidet. Endlich, eines Nachts, höre ich diesen knurrenden Laut – noch ganz leise, aber doch schon vernehmbar. Es ist der Klang von Seelöwen, die zurückkehren, um sich auf den Felsen an der Landenge meiner Bucht niederzulassen. Jede Nacht wird das tiefe Grollen lauter, wenn zuerst einer, dann vier, dann vierundzwanzig männliche Seelöwen zurückkommen. Ich weiß, dass diese Anzahl weiter ansteigen wird, bis mindestens sechzig Löwen des Meeres auf den Felsen überwintern.

Die Seelöwen sind zurück

Der vergangene Winter war der erste in meinem Zuhause am Ozean, und obwohl ich mich danach sehnte, hinauszufahren und die Seelöwen zu betrachten, so fehlte mir doch ein Boot, um meinen Wunsch realisieren zu können. In diesem Sommer habe ich ein Kajak gekauft und die Grundlagen des Kajakfahrens erlernt; und kürzlich habe ich ein zweites gekauft, damit ich Gesellschaft habe, um zu den Felsen hinaus zu paddeln. Eines frühen Herbstmorgens, als der Ozean noch wie Glas war, ließen eine Freundin und ich die Kajaks zu Wasser und fuhren hinaus. Ich bin eine unerfahrene Kajakfahrerin und habe mich ganz darauf konzentriert, beim Paddeln den ausgeglichenen Rhythmus zwischen Drücken und Ziehen aufrechtzuerhalten; somit entging die Tatsache, dass wir uns den Seelöwen näherten, meiner Aufmerksamkeit.

Als ich aufsah, entdeckte ich, dass die Seelöwen, die vorher wie kleine braune Flecken ausgesehen hatten, nun voll ausgereifte Persönlichkeiten waren, wobei jedes Männchen ungefähr vierhundertundfünfzig Kilo wog. Ein paar von ihnen bemerkten unsere Kajaks und fingen an zu heulen, woraufhin ein paar weitere einstimmten. Mit Schrecken beobachtete ich, wie sechs Männchen sich von der Herde lösten und ins Wasser glitten. Alles um mich herum wurde still; ich hörte auf zu paddeln und wartete auf ihr Auftauchen. Schweigend tauchten alle sechs Kolosse auf, einer nach dem anderen, und bildeten eine gerade Linie, ungefähr 15 m von unseren Kajaks entfernt. Ich bemerkte, ein wenig ängstlich, dass sie mindestens 60 m in weniger als einer halben Minute zurückgelegt hatten. Ich holte Luft und wartete auf ihren nächsten Zug. Ich wusste ohne Zweifel, dass ein Zurückpaddeln, um außer Reichweite zu kommen, nicht in Frage kam. Die einzige Möglichkeit, an die ich momentan denken konnte, war, in vollkommener Liebe und Stille zu verharren.

Während die sechs Seelöwen uns in die Augen sahen, begannen sie schweigend und langsam in Formation auf uns zuzuschwimmen. Ich werde nicht so tun, als ob ich keine Angst gehabt hätte. Zugleich befand ich mich inmitten eines gewaltigen Zusammentreffens mit diesen wunderbaren Wesen. Gemeinsam teilten wir die magische Pause zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen. Ja, diese gigantischen Männchen waren Krieger, die uns befahlen, unseren Abstand zu wahren. Doch gleichzeitig teilte ich mit ihnen einen kostbaren herzöffnenden Augenblick des Erkennens unseres gemeinsamen Lebens und unserer gemeinsamen Intelligenz. Beim Blick in ihre riesigen braunen Augen konnten wir sehen, dass sie definitiv nicht zahm waren, sondern so authentisch, wie der Schöpfer sie geschaffen hatte.

Ungefähr dreieinhalb oder viereinhalb Meter von uns entfernt, immer noch in Formation, glitten sie leise unter die Wasseroberfläche. Meine Freundin und ich warteten mehrere Minuten auf ihr Wiederauftauchen, und unsere schweigsame Pause dehnte sich aus……Schließlich sahen wir, wie sie in einer Entfernung von ungefähr 30 m auftauchten, Wasser schlagend und Fische fangend. Wir waren nicht länger in Gefahr, da sie erkannt hatten, dass wir keine Gefahr für sie darstellten. Ausatmend blieben wir lange Zeit still sitzen und beobachteten, wie sie Fische fingen und dann zurück auf den Felsen kletterten, wo sie sich den anderen Männchen gegenüber sahen, die ihre Plätze eingenommen hatten. Mit ihrem tiefen Knurren, ihrem Sich-vorwärts-Stürzen, ihrem Die-eigene-Größe-zur-Schau-Stellen sind sie wirklich die Löwen des Meeres. Leise begannen wir zu paddeln, und eine Stunde lang paddelten wir langsam nach Hause, während wir ununterbrochen dieses magische Verbunden-Sein durch unser Blut strömen ließen. Wenn ich im tiefen Winter in meinem Bett liege und auf ihr Brüllen horche, werde ich diese Erinnerung auskosten und ihnen für den mir gewährten Segen danken.

 

Tanis Helliwell, eine Mystikerin in der modernen Welt, bringt seit über 30 Jahren spirituelles Bewusstsein in die Mainstream-Gesellschaft. Seit ihrer Kindheit sieht und hört sie auf anderen Ebenen Elementarwesen, Engel und Meisterlehrer. Tanis ist die Gründerin des International Institute for Transformation (IIT), welches Programme anbietet, um Menschen dabei zu unterstützen, bewusste Schöpfer zu werden, die mit den spirituellen Gesetzmäßigkeiten arbeiten, durch welche unsere Welt regiert wird.

Tanis ist die Autorin von Elfensommer, Elfenreise, Nicht ganz von dieser Welt, Die Hohen Wesen von Hawaii Umarmt von der Liebe, Mit der Seele arbeiten, Erkenne deine Bestimmung und Die Hohen Wesen von Hawaii.

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