Motorradfahren - eine spirituelle Metapher

darwyn with motorcycle-croppedMotorradfahren - eine spirituelle Metapher

von Darwyn Boucher

Im Alter von 50 Jahren besaß ich Boote, eine Sammlung von Autos, Quads, Camper und eine Menge anderer Spielzeuge und Hobbys, genug um jede ‘Spielzeug’kiste im Traum eines jeden Mannes bis obenhin zu füllen. Und bei allem ‘glaubte’ ich natürlich, dass diese Dinge mir Freude bringen würden. Das letzte Spielzeug in der Kiste war ein Motorrad – hauptsächlich, weil ich noch keines hatte. Also fing ich wieder an zu fahren, seit 30 Jahren hatte ich auf keinem Motorrad mehr gesessen, und ich genoss es jedes Mal. Ich kann gar nicht einmal sagen, warum – es war einfach so. Doch dann wurde mir das Warum klar. Am besten kann ich es erklären mit einem Bild. Stellt euch einen Hund vor, der seinen Kopf aus dem Fenster eines fahrenden Autos streckt, den Wind in seinem Gesicht. Der Hund ist voller Leben und platzt gleichzeitig fast vor Freude. Es ist eine Reaktion aus dem tiefsten Inneren heraus, keine intellektuelle Antwort. Es ist etwas, was ich fühle und nichts, was ich denke. Der Wind ist ein großartiger Therapeut. Wenn ich die sanften Kurven der Straße befahre, ist mein Geist klar und es überkommt mich ein tiefes Gefühl von Freude und Ruhe, ich befinde mich genau in diesem Moment – es ist wie eine Bewegungsmeditation. Mein Meditationskissen ist befestigt auf einer ca. 400 kg schweren Harley Davidson Road King. Spirituelle Metapher # 1 – Mach einfach das, was dich glücklich macht.

Im Laufe der Zeit fuhr ich immer öfter mit meinem Motorrad und es kam so weit, dass meine anderen ‘Großer-Junge’ Spielzeuge allmählich Staub ansetzten oder wegen mangelndem Gebrauch nach Wartung verlangten. Also verkaufte ich sie. Da ich die anderen Spielzeuge nicht mehr um mich hatte, war plötzlich mehr Zeit da zum Motorradfahren. Erst kürzlich packte ich innerhalb von 15 Minuten meine Sachen für eine 2-wöchige Motorradtour. Mein kompletter verfügbarer Gepäckraum entspricht ungefähr dem Umfang des Handgepäcks für die meisten Flugzeuge. Jeden Abend während meiner Tour nehme ich innerhalb von 2 Minuten alles, was ich habe, in ein neues Hotelzimmer mit. Es ist so befreiend, nicht all dieses Zeug einpacken, auspacken, tragen, organisieren zu müssen und dabei nichts zu vergessen. Ich hatte es sehr bequem auf meinem Motorradtrip. Mich nicht mit den Belastungen von so viel Kram abgeben zu müssen, verschaffte mir mehr Zeit, um all das andere, was ich mag, zu tun. Der Moment, wenn mir die Kinnlade herunterfällt, ist der Moment des Heimkommens. Ich habe mehr als ein Zuhause und jedes ist im traditionellen Stil eingerichtet. In diesem Moment erkannte ich, dass ich über einen sehr langen Zeitraum (nicht aus meinem Koffer, sondern) aus meinem Motorrad heraus hätte leben können – und es hat mir nichts gefehlt. Warum besitze ich all diese verschiedenen Zuhause mit dem ganzen Zeug darin? Was kann ich entsorgen? Spirituelle Metapher #2 – Lebe einfacher.

Auf meinem Motorrad gibt es ein festgelegtes Maß an Platz und deswegen wähle ich die Dinge, die ich mitnehme, sehr weise aus. Zur Veranschaulichung nehme ich das Beispiel Schuhwerk. Auf dem Motorrad trage ich die Stiefel an meinen Füßen und nehme noch ein Paar Sandalen mit – das ist alles. Meine Stiefel müssen bei kaltem Wetter wärmen und bei warmem Wetter kühlen. Die Stiefel benötigen Lüftungsvorrichtungen, die sich öffnen, und eine Isolierung, die wärmt, doch ebenfalls kühlt. Auch müssen sie in nassem Wetter trocken sein und an heißen Tagen atmen. Sie müssen strapazierfähig sein und einen guten Schutz bieten – doch gleichzeitig leicht und bequem zum Laufen sein. Sie müssen zufriedenstellend ausschauen, großartig passen und bequem sein für tagtäglichen Gebrauch. Ich habe ein Jahr lang in unzähligen Geschäften nach meinem neuen Paar Stiefel gesucht. Da der Platz begrenzt ist, überlege ich meine Einkäufe sehr sorgfältig, und aufgrund dieser genauen Überlegungen kümmere ich mich auch sehr gut um meine neuen Stiefel. Da ich auf meinem Motorrad keinen Platz für meine alten Stiefel habe und sie nicht hinten in meinen Schrank stellen wollte, habe ich sie weggegeben. Ich kann kein Teil zu meinem Gepäck auf dem Motorrad hinzufügen, ohne dass ich nicht ein Teil wegnehme – was für eine großartige Art zu leben. Wenn der Platz begrenzt ist, geschehen Neukäufe sehr bewusst, gut durchdacht und nicht impulsiv. Ich kann eine lange Zeit ganz bequem auf dem Motorrad leben, aber wenn ich mit einem Zuhause umziehen müsste, bräuchte ich einen Sattelschlepper und einen riesigen Anhänger. Spirituelle Metapher # 3 – Sei ein bewusster Konsument.

Während des letzten Trips haben wir in den 14 Tagen, die wir unterwegs waren, 7000 km zurückgelegt. An manchen Tagen waren es 900 km und an anderen nur 50 km. Wir haben keinen Reiseplan, nur eine Navigationsrichtung. Dieser spezielle Trip führte uns in Richtung New Orleans und endete in den Ozark Mountains. Bei den Motorradfahrten geht es nur um die Reise, nicht um einen festgelegten Reiseablauf oder um das Ziel. Es ist wirklich erstaunlich, was passiert, wenn wir keinen festen Reiseplan haben, sondern einfach jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr bereit zur Abfahrt sind. Intellektuell kann ich nicht erklären, was passiert, wenn ich meine Motorradkluft, mein ‘Kostüm’ anziehe. Ich weiß nicht, ob es die Reaktion der anderen auf diese Kluft ist oder meine Reaktion auf diese Kleidung. Manche Menschen reagieren, als ob sie Angst hätten und nicht schnell genug von uns wegkommen können, während andere, vollkommen Fremde, die in kein erkennbares Profil passen, zu uns herkommen, uns fragen, wo wir hinwollen, uns ihre bevorzugte ortsübliche Route erklären, uns gute Plätze zum Essen, interessante Sehenswürdigkeiten und Straßen nennen, an denen es Baustellen gibt oder die gesperrt sind. Wir sind sowohl offen für zufällige Wegweiser als auch für die offiziellen Straßenschilder, wenn wir reisen. Auf dieser Fahrt änderten wir witterungsbedingt unsere Route und nahmen eine andere Richtung, und (wiederum) stellte sich heraus, dass wir Orte, Routen, Menschen und Erfahrungen fanden, die viel besser waren, als wir uns je hätten vorstellen können. Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich an jeden Tag auf diese Weise heranginge? Vielleicht – nur vielleicht – ist es ja so, dass ich in meinem täglichen Leben ein ‘Kostüm’ trage und nicht, wenn ich authentisch auf meinem Motorrad bin? Spirituelle Metapher #4 – Sei offen für zufällige Wegweiser und trage ein Kostüm, das dir erlaubt, authentisch zu sein.

Motorradfahren – so wie das Leben – hat vorgegebene Risiken. Ich hatte Beinahe-Zusammenstöße mit meinem Motorrad. Bei einigen Gelegenheiten habe ich unbewusst einem Verkehrssünder enthusiastisch den Stinkefinger gezeigt, bevor ich, achtsam geworden, dankbar dafür war, dass niemand verletzt worden war. Auf Ereignisse im Leben mit einer Perspektive von “könnte gut sein – könnte schlecht sein” zu reagieren, bedeutet Arbeit für mich. Es erfordert Vertrauen darauf, dass die Dinge sich so entwickeln werden, wie es gedacht ist. In meinem Fall wiegen die Belohnungen des Motorradfahrens eindeutig die Risiken auf. Ich glaube, dass im Leben die Zeiten, in denen es dir den Atem verschlägt, wichtiger sind als die Zeiten, in denen du einfach nur Atem holst. Spirituelle Metapher #5 – Glaube!

Ich hoffe für euch, dass ihr auch etwas findet, das euch die gleiche Freude und spirituellen Aha-Erlebnisse schenkt, wie ich sie beim Motorradfahren erlebe.

Darwyn Boucher Darwyn Boucher ist Senior-Schüler innerhalb des spirituellen Transformationsprogramms von IIT und betreibt eine Waldorf Ranch in Saskatchewan. Kontakt zu Darwyn ist möglich über [email protected].